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Was heißt Additionalität im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit

Erschienen am 27.02.2021 im RP-Energie-Blog (als E-Mail-Newsletter erhältlich!)

Permanente Adresse: https://www.energie-lexikon.info/rp-energie-blog_2021_02_27.html

Autor: Dr. Rüdiger Paschotta, RP-Energie-Lexikon, RP Photonics AG

Inhalt: Der Aspekt der Additionalität (Zusätzlichkeit) ist für die Beurteilung von Nachhaltigkeit etwa bei der Erzeugung elektrische Energie, Palmöl oder von Nahrungsmitteln enorm wichtig. Wo eine ökologische Produktion nicht zusätzlich oder als Ersatz für umweltschädliche Produktion eingerichtet werden kann, scheitert die Lösung ökologischer Probleme häufig an der fehlenden Möglichkeit der Additionalität.

Rüdiger Paschotta

Im Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit – durchaus nicht nur im Bereich Energie – spielen häufig Überlegungen zur Additionalität (Zusätzlichkeit) von Maßnahmen eine wichtige Rolle. Dies ist beispielsweise ein wichtiger Aspekt bei der Unterscheidung echten Ökostroms von unseriösen Angeboten oder ökologischen Mehrwert. Jedoch wird auch gezeigt werden, dass ganz ähnliche Überlegungen etwa im Zusammenhang mit Palmöl und Fleisch angebracht sind.

Beispiel: Ökostrom

Als erstes Beispiel betrachten wir die Problematik im Bereich des Ökostroms.

Nehmen wir mal an, Sie wohnen neben einem kleinen, vor Jahrzehnten gebauten Wasserkraftwerk, dessen Stromerzeugung Sie als vorbildlich ökologisch betrachten. Sie vereinbaren nun mit dem Betreiber, dass dieser vollständig Ihren Strombedarf deckt – was bedeutet, dass Ihr Geld für Strom nur noch dorthin fließt (abgesehen von Netzentgelten, Steuern u. ä.), und nicht mehr an Ihr bisheriges EVU, welches Kohlekraftwerke betreibt. Damit haben Sie nun klimaverträglichen Strom, was Sie als Ihren Beitrag zum Klimaschutz betrachten können, oder?

Leider nein! Ihr Stromanbieterwechsel hat nämlich nur auf dem Papier etwas bewegt, nicht aber in der Realität. Das Wasserkraftwerk läuft genauso wie vorher, und alle anderen Kraftwerke auch, weswegen sich an der Klimabelastung rein gar nichts ändert. Nur wird ein gewisser Teil der sauberen Produktion dieses Kraftwerks nun auf dem Papier Ihnen zugeschrieben, während jemand anderes dafür die entsprechende Menge Dreckstrom zusätzlich bezieht. Sie haben also lediglich Ihr Gewissen beruhigt, solange Sie diesen Zusammenhang nicht durchschauen.

Ist es also prinzipiell unmöglich, durch Bezug sauberen Stroms etwas für die Umwelt zu tun? Dies ist zum Glück keinesfalls so. Nun muss dabei eine wichtige Bedingung erfüllt werden: Das Geld, welches Sie für den Strom ausgeben, muss die Energiewende aktiv vorantreiben, also die Produktion sauberen Stroms ausweiten. Genau dies ist die im Titel des Artikels genannte Additionalität: Ihr Stromanbieter muss für den von ihm verkauften Strom entsprechende zusätzliche umweltfreundliche Erzeugungskapazitäten aufbauen oder alternativ jemand anderes dafür bezahlen. Lediglich ohnehin bestehende "grüne" Kapazitäten für Sie zu reservieren, bringt nichts.

Als Konsument werden Sie kaum in der Lage sein, diese Additionalität (neben den ökologischen Qualitäten der Stromerzeugungsanlagen) zu überprüfen. Dies können Sie aber von einer Organisation übernehmen lassen, der Sie vertrauen. Das bedeutet konkret, dass Sie Ökostrom von einem Anbieter beziehen, der von einer von Ihnen als vertrauenswürdig betrachteten Organisation überprüft wurde und dadurch ein entsprechendes Ökostrom-Label erhalten hat. Die zugrunde liegenden Bedingungen des Stromlabels können Sie bei Interesse genau nachlesen.

Übrigens, woher genau Ihr Strom physikalisch stammt, lässt sich gar nicht sagen, wenn alle Kraftwerke und Verbraucher an einem gemeinsamen großen Stromnetz hängen. Das ist letztendlich aber auch völlig egal, jedenfalls für die Umwelt.

Palmöl

Ein weiteres Beispiel ist der Einkauf von Palmöl entweder als Rohmaterial oder in verarbeiteter Form, etwa in diversen industriell produzierten Nahrungsmitteln oder in Biodiesel. Wir wissen längst, dass riesige Mengen von Palmöl beispielsweise in Indonesien auf Flächen angebaut werden, auf denen früher Regenwald stand. Die weltweit große Nachfrage nach Palmöl für zur weiteren Zerstörung von Regenwäldern und ist somit extrem umweltschädlich, insbesondere auch klimaschädlich. Wie können Sie nun als Kleinverbraucher, als industrieller Einkäufer oder als Politiker eines Landes (etwa im Zusammenhang mit Handelsabkommen) Palmöl einkaufen, ohne diese extrem schädlichen Effekte dabei in Kauf zu nehmen?

Aus denselben Gründen wie im oberen Beispiel hilft es gar nichts, wenn Sie nur solches Palmöl einkaufen, welches nachweislich ohne Zerstörung von wertvollen natürlichen Ressourcen gewonnen wurde. Selbst wenn Sie Ihrem Handelspartner vertrauen können, dass Ihr Palmöl nur von unproblematischen Flächen stammt, kaufen Sie damit eben einen Teil der "sauberen" Produktion weg, und andere Einkäufer werden entsprechend mehr Ware von problematischen Flächen erhalten. Deswegen bewirken auch entsprechende Zertifikate – selbst von durchaus engagierten und gutwilligen Institutionen – keine echte Problemlösung für die Regenwälder und das Klima, sondern allenfalls gewisse soziale Verbesserungen in den Anbauländern, hier und da wohl auch ein wenig Schonung für die Natur.

Um das Problem zu lösen, müsste man zusätzliche unproblematische Anbauflächen erschließen. Leider ist aber zu befürchten, dass diese Additionalität bei Palmöl kaum gelingen wird. Schließlich werden riesige Flächen für die Deckung des enormen internationalen Bedarfs benötigt, und diese finden sich eben nicht so leicht.

Auch ein anderer Ansatz würde nicht funktionieren: der Umstieg von Palmöl auf andere Ölpflanzen wie Kokos, Sonnenblumen, Soja oder Raps. Leider weisen diese eine niedrigere Flächeneffizienz auf, weswegen für die gleiche Menge Öl eine noch größere Anbaufläche benötigt wird. Dies könnte also eine sogar beschleunigte Zerstörung von Regenwäldern hervorrufen.

Wegen der kaum machbaren Additionalität gibt es deswegen eigentlich nur einen wirksamen Ansatz zur Problemlösung: den Verbrauch an Palmöl so stark wie möglich zu reduzieren, und zwar nicht etwa durch Substitution mit ähnlichen Pflanzen. Beispielsweise müssten wir aufhören, dem Dieselkraftstoff solche Öle beizumischen, und stattdessen den Kraftstoffverbrauch reduzieren, etwa durch kleinere, weniger stark motorisierte Fahrzeuge, durch die Ausweitung der Elektromobilität, durch die vermehrte Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, durch die Vermeidung unnötiger Mobilität usw. Ein weiterer Ansatz ist es, möglichst wenig industriell verarbeitete Nahrungsmittel (Fertiggerichte, süße Cremes etc.) zu verzehren, was für die Gesundheit ohnehin sehr vorteilhaft ist.

Fleisch

Bekanntlich ist auch die Produktion und Fleisch vielfach äußerst umweltbelastend und insbesondere auch klimaschädlich. Im Ausmaß ist dies zwar durchaus abhängig von der Art des Fleisches und den konkreten Produktionsbedingungen, aber praktisch immer ist die Fleischproduktion weitaus umweltbelastender als die Produktion veganer Nahrungsmittel.

Manche versuchen dies zu lösen, indem sie sich beispielsweise Rindfleisch aus der Weidehaltung besorgen; diese Tiere fressen kein Kraftfutter, welches etwa in Südamerika umweltschädlich produziert und um die halbe Welt transportiert wird. Nun gibt es auch weltweit etliche Flächen (z. B. steile Gebiete im schweizerischen Alpenvorland), die landwirtschaftlich kaum anders genutzt werden könnten als für die Haltung von Weidevieh. Nur reichen diese Flächen leider bei weitem nicht aus, um beispielsweise den derzeitigen Fleischkonsum der schweizerischen Bevölkerung so zu decken. Deswegen bewirkt in der Schweiz jeder zusätzliche Fleischverzehr, dass entweder Tiere mit umweltschädlich gewonnenem Importfutter gemästet werden oder dass Fleisch importiert wird. Es fehlt also wiederum die Additionalität, selbst wenn jemand bereit ist, für umweltverträgliche Fleischproduktion entsprechend mehr zu zahlen. Letztendlich scheitert die Additionalität an der geringen Flächeneffizienz der Fleischproduktion.

Übrigens bleibt ohnehin das Problem der klimaschädlichen Methanemissionen der Rinder. Dies ist bei Biofleisch u. U. sogar schlimmer, da die Tiere länger leben.

Wir sehen also, dass auch Biofleisch keine wirksame Lösung ist, auch wenn wenigstens ein Teil der Probleme (etwa betreffend das Tierwohl) etwas entschärft wird. Nur wenn der schweizerische Fleischkonsum in etwa halbiert würde, könnte er weitestgehend mit Weidehaltung gedeckt werden. Dies gilt in ähnlicher Form für die meisten anderen Länder auch.

Interessant ist immerhin, dass eine Halbierung des derzeitigen Fleischkonsums – was wirklich leicht erreichbar sein sollte – die Umweltbelastung durch die Landwirtschaft bereits ganz massiv reduzieren würde.

Bio-Nahrungsmittel

Wir haben gesehen, dass Fleischkonsum selbst bei Bio-Produktion sehr problematisch ist. Jedoch treffen diese Bedenken keineswegs allgemein für die Bio-Nahrungsmittel zu. Bei pflanzlicher Nahrung ist die Additionalität von Bio-Nahrungsmitteln nämlich ohne weiteres erreichbar: Wer seinen Konsum darauf umstellt, trägt damit zwar nicht sofort, aber mittelfristig durchaus zu dem Trend bei, dass die landwirtschaftliche Produktion auf Bio-Qualität umgestellt wird. Dies hat weitgehend auch positive ökologische Auswirkungen, etwa durch die Reduktion des Einsatzes giftiger Pflanzenschutzmittel und der Belastung des Grundwassers durch Düngemittel. Auch der immer weiter steigende Belastung der Böden mit Schwermetallen aus Düngemitteln wird damit effektiv entgegengewirkt.

Problematisch bleibt es nur immer dort, wo man an die Grenzen des Flächenangebots stößt. Dies ist im Wesentlichen das Problem bei Fleisch: Wenn die Fleischproduktion höher sein soll als mit Weidehaltung möglich, müssen die Tiere mit angebauten Pflanzen gemästet werden, und damit wird dann weit mehr Pflanzenanbau nötig als für eine vegetarische bzw. vegane Ernährung.

Fazit

Wir haben gesehen, dass man grundsätzlich nicht nur die ökologische Qualität einer konkreten Produktion beurteilen muss, sondern auch die Additionalität entscheidend wichtig ist. Soweit eine umweltfreundliche Produktion nicht zusätzlich für die ökologisch bewussten Verbraucher eingerichtet werden kann, bzw. als Ersatz für umweltschädlichere Produktion, ist eine umfassende Problemlösung kaum möglich – außer eben durch Reduktion des Verbrauchs. Dies trifft insbesondere zu für den Bereich der Biokraftstoffe sowie für das Fleisch – in beiden Fällen wegen des hohen Flächenbedarfs.

Fragen und Kommentare von Lesern

01.03.2021

Vielen Dank für Ihre informationsreiche Homepage. Ihren wissenschaftliche Herangehensweise an die Themen spricht mich sehr bei jeden Artikel wieder sehr an!

Bei diesem Thema würde mich die Durchführung einer (theoretischen) Grenzwertbetrachtung interessieren. Welche Auswirkungen hätte es, wenn fast jeder Bürger/Unternehmer Grünstrom beziehen würde (und trotz aller Folgen dabei bleiben würde)? Vielleicht Folgendes (beliebige Reihenfolge):

  • Der Anteil an Grünstrom reicht nicht aus zur Deckung.
  • Der Grünstrompreis steigt an.
  • Nicht-Grünstrom-Produktion verliert an Attraktivität (blenden wir wir die Grund- und Spitzenlast-Thematik aus).
  • Zur Deckung müssen neue Grünstrom-Kapazitäten geschaffen werden.
  • Nicht-Grünstrom wird aus dem Land exportiert und Grünstrom importiert.

Meine Motivation am Grünstrombezug ist genau dieser. Wenn möglichst viele (international) ihr Kommittment dazu geben, Grünstromstrom zu beziehen zu wollen, entsteht ein Druck in die richtige Richtung. Zumindest besser als den "billigen" fossilen Strom weiter zu beziehen und damit nichts zu unternehmen.

Antwort vom Autor:

Ja, sicherlich würde dies den entsprechenden Druck erzeugen. Leider sind wir noch weit davon entfernt, da vielen Leuten immer noch ein marginaler Preisvorteil wichtiger ist als ein Beitrag zum Klimaschutz. Deswegen brauchen wir endlich eine ordentliche CO2-Bepreisung, etwa in Form einer CO2-Steuer.

17.03.2021

Danke für die Beleuchtung dieses wichtigen Themas. Lässt sich Ihrer Meinung nach das Konzept der Additionalität auch auf die Förderung fossiler Energieträger anwenden? So schwankt zum Beispiel die weltweite Erdöl-Fördermenge nur wenig von Jahr zu Jahr, viel weniger als der Ölpreis. Daher könnte man zum Schluss gelangen, dass Angebot und Nachfrage bei Erdöl hauptsächlich über den Preis angeglichen werden. Wenn dies aber stimmt, bedeutet ein Minderverbrauch einer bestimmten Gruppe (Familie, Land, Weltregion) lediglich, dass der Rest der Verbraucher dieses eingesparte Öl günstiger angeboten bekommt und zwar tendenziell so, dass der Gesamtweltverbrauch sich letztlich wenig ändert. Um dieses Problem zu umgehen könnte man nach der erfolgreichen Dämmung seines Hauses weiterhin die gleiche Menge an Heizöl wie vorher kaufen und dieses dann "endlagern". Oder aber eine Minderförderung könnte auf einem anderen Weg erreicht werden, aber dazu bräuchte es wohl weltweit gültiger Regeln.

Antwort vom Autor:

Die beschriebene Problematik besteht sicherlich ein Stück weit. Nur würde ich sie erstens nicht unter dem Begriff der Additionalität einordnen, und zweitens ist die Sache komplexer. Eine Reihe von Aspekten wäre hierbei zu bedenken:

  • Kurzfristig kann das Ölangebot als ziemlich begrenzt angesehen werden, und Preisschwankungen haben dann kaum Einfluss auf die gehandelte und verbrannte Menge: Was gefördert wird, wird auch verkauft. Langfristig ist es aber so, dass Investitionen in neue Förderanlagen – die häufig weitaus teurer sind als die für konventionelle Ölvorkommen – davon abhängig sind, dass man dann auf dem Markt auch einen genügend hohen Preis erzielt, basierend auf einer hohen Nachfrage. Für Überlegungen zum Klimaschutz ist natürlich die langfristige Sichtweise maßgeblich.
  • Soweit Energieeinsparungen oder auch die Substitution fossiler Energieträger über die Entwicklung neuer Technologien realisiert werden, kann deren Anwendung auch weltweit dadurch gefördert werden. (Beispiel: die breite Anwendung von Photovoltaik weltweit, die durch die deutsche Energiewende massiv gefördert wurde.)
  • Wichtig ist auch die Vorbildwirkung von positiven oder negativen Beispielen. Wenn beispielsweise die Deutschen sagten, Klimaschutz und Energie-Sparsamkeit seien schon sehr wichtig, nur leider für uns selbst nicht so passend, würden sie damit ein fatales Signal in die Welt senden. Globaler Klimaschutz kann niemals funktionieren, wenn die reichen Länder nicht mit gutem Beispiel vorangehen. Das ist vermutlich auch der wichtigste Aspekt der CO2-Minderungen in Deutschland.

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